Klartext: mein Blog
20. Mai 2026

Will ich so weitermachen?

Über die leise Frage, die sich irgendwann nicht mehr überhören lässt

Irgendwann taucht sie auf. Nicht laut, nicht dramatisch – eher als ein stilles Innehalten mitten im Gewohnten: Ist das noch meins? 

Vielleicht kennst Du diesen Moment. Du sitzt z.B. an einer beruflichen Aufgabe, die Du schon hundertmal so, oder ähnlich ausgeführt hast. Du schreibst vielleicht eine Mail oder einen Bericht, wie Du das schon hundertmal gemacht haben. Und plötzlich – fast überraschend – fragt etwas in Dir: Will ich das eigentlich noch? 
Nicht unbedingt aus Erschöpfung oder Frustration. Sondern eher aus einer neuen Klarheit, die mit den Jahren gewachsen ist, leise und unbeirrt, wie ein Baum, der seinen Platz kennt. 
Ich kenne diese Frage aus eigener Erfahrung. Mit Mitte fünfzig, nach Jahren in einem Beruf, der mich geformt, gefordert und manchmal auch aufgerieben hat, stand ich an einem Punkt, an dem die bisherigen Antworten nicht mehr passten. Nicht weil ich gescheitert war - im Gegenteil. Weil ich mehr bei mir angekommen war. Und weil bei sich ankommen - in einer neuen Lebensphase - manchmal bedeutet: Es ist Zeit, neu zu navigieren. 


Die bisherige Logik und ihr Preis 

 Die meisten von uns haben Jahrzehnte in einer bestimmten Logik gelebt: leisten, wachsen, managen, beweisen. Die bisherige Logik machte Sinn – sie hat uns vieles gegeben: Kompetenzen, Anerkennung, finanzielle Sicherheit, Identität. 
Aber sie hat auch einen Preis. Sie definiert uns und unsere Wirksamkeit von außen. Sie misst in Titeln, Gehaltsstufen, Verantwortungsbereichen – bei uns Frauen im Jonglieren vieler Bälle, vieler Themen gleichzeitig. Sie fragt nicht: Wer bist du? Sie fragt: Was schafft Du? Wisrst Du allem und allen gerecht ? Was kannst Du dabei vorweisen? 
Solange wir jung sind, fühlt sich das meist stimmig an. Die Ziele sind klar, der Weg für uns Frauen ist in vielerlei Hinsicht eh vormarkiert, das System belohnt hohen Einsatz. Doch mit den Jahren – spätestens mit dem fünfzigsten Geburtstag – beginnt viele von uns eine andere Stimme zu erreichen. Leiser, aber beharrlicher. Die Stimme der Sinn-Logik. 

Was die Sinn-Logik anders fragt 

Sinn-Logik fragt nicht: Was bringt mir das? Sie fragt: Wofür tue ich das? 
Sie fragt nicht: Wie werde ich gesehen? Sie fragt: Wie erlebe ich mich selbst? 
Und vielleicht am wichtigsten: Sie fragt nicht mehr, was andere von mir wollen und für möglich halten – sondern was ich selbst für richtig und wertschöpfend halte. 
Das ist kein Rückzug. Das ist keine Erschöpfung, die sich als Weisheit verkleidet. Es ist eine Reifung. Eine Verschiebung des inneren Schwerpunkts, die erst möglich wird, wenn man genug gelebt hat, um zu wissen: Zeit ist nicht beliebig. 

Mit fünfzig hat man oft mehr hinter sich als man denkt – und mehr vor sich, als die Gesellschaft einem glauben machen will. Genau in diesem Zwischenraum liegt eine der kraftvollsten Fragen des Lebens. 


Reduzieren, weitermachen, neu beginnen – oder etwas Eigenes wagen? 

Wenn die grundsätzliche Frage einmal wach ist, folgen schnell die konkreten. Soll ich kürzertreten? Einen anderen Schwerpunkt setzen? Auch privat oder erstmal beruflich? Mich selbstständig machen? Noch einmal neu anfangen – in einem anderen Feld, mit einem anderen Ziel? 
Was ich in meiner Arbeit mit Frauen in dieser Lebensphase immer wieder erlebe: Die äußere Frage – Was tue ich jetzt? – lässt sich erst dann wirklich beantworten, wenn die innere Frage ehrlich gestellt wurde: Was bedeuten Erfolg und Erfüllung für mich – heute, in dieser Phase meines Lebens? 
Nicht wie vor zwanzig Jahren. Nicht wie es mein Umfeld erwartet. Nicht wie es <<man>> eben macht. 
Sondern: Jetzt. Hier. Als die Frau, die ich geworden bin. 

  • Welche Tätigkeiten lassen mich abends mit einem Gefühl von Sinn nach Hause gehen? 
  • Wo setze ich meine Energie ein – und wo wird mir Energie zurückgegeben? 
  • Was würde ich tun, wenn ich keine Angst vor dem Urteil anderer hätte? 
  • Was bedeuten <<Erfolg und Erfüllung>> für mich in zehn Jahren - wirklich? 
  • Gibt es etwas, das ich immer wollte – und das ich noch nicht gewagt habe?
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